„Ein Auto in der Großstadt Berlin? Bin ich wahnsinnig? Ich finde ja keinen Parkplatz.“ Nick und seine Frau Ceren sind lieber Carsharingkunden, denn die Autos können sie per App buchen, das nächst liegende Fahrzeug ermitteln und nach Gebrauch den Wagen einfach stehenlassen.

Diese vermeintliche Privatlösung ist Symptom für einen Trend: Besitz wird mehr und mehr als Ballast empfunden. Volle Keller und Speicher bedürfen schon professioneller Aufräumunterstützung. Sendungen über Entrümpler, Bares für Rares und „tiny houses“ (Minihäuser) zeigen: nach der Konsumwelle wollen die Menschen mit „leichtem Gepäck“ durchs Leben gehen. Mit der Band „Silbermond“ fand das Thema auch den Weg in die Charts.

Cradle to cradle – von der Wiege zur Wiege
Eine Welt ohne Müll

Der deutsche Chemiker Michael Braungart und der US-amerikanische Architekt William McDonough haben in ihrem 2002 erschienenen Buch Cradle to Cradle, C2C - Von der Wiege bis zur Wiege - den Begriff Ökoeffizienz kreiert. Während eine Ökobilanz nur den Stoffkreislauf und dessen Umweltwirkungen sozusagen von der Wiege bis zur Bahre analysiert, plädieren sie für Produkte, die entweder als Nährstoffe in biologische Kreisläufe zurückgeführt oder Stoffe, die kontinuierlich in technischen Kreisläufen gehalten werden können.
„Die Natur produziert seit Jahrmillionen völlig uneffizient, aber effektiv. Ein Kirschbaum bringt tausende Blüten und Früchte hervor, ohne die Umwelt zu belasten. Im Gegenteil: Sobald sie zu Boden fallen, werden sie zu Nährstoffen für Tiere, Pflanzen und Boden in der Umgebung.“
Michael Braungart: Berliner Zeitung vom 26.Juni 2004 zit. nach Wikipedia.

Michael Braungart kategorisierte auf einem gemeinsamen Podium mit Daniela Kaminski vom Verband Second-Hand vernetzt in München „Second-Hand als nur eine Runde mehr,“ im Konsumkarussell. Aber immerhin.

Gegen das Gerümpel des Alltags – mit Feng-Shui oder ohne

Er war ein Bestseller: Feng Shui gegen das Gerümpel des Alltags von Karen Kingston. Ob mit oder ohne die asiatische Aufräumlehre: Gerümpel bindet Energie. Wir brauchen Platz, um es aufzubewahren, das kostet Wohn- oder Lagerraum und das kostet Geld – und Zeit. Je mehr Dinge wir besitzen, desto mehr müssen wir sie pflegen, putzen, reparieren, streichen, ölen, trocken halten oder gießen....von allen Seiten sprechen sie uns an und fordern unsere Aufmerksamkeit.
Professionelle Aufräumhelfer kassieren 40 Euro die Stunde und mehr, um Privatmenschen den Schritt zum „weg damit!“ zu erleichtern – oder überhaupt möglich zu machen. Denn was da im Müllsack, in der Kiste für die Bücherspende oder dem Korb für den Second-Hand Laden landet, sind Erinnerungen an die Kinder oder Freunde, Dinge, die man „vielleicht ja noch gebrauchen kann“, Kleider, in die man eventuell noch mal reinpasst oder die Mode kommt wieder, Geschenke, denen man sich verpflichtet fühlt, Erbstücke und und und ...Ein professioneller Schubs von außen kann helfen, diese Stimmen zum Schweigen zu bringen.

Teilen, leihen, tauschen
– wer nicht besitzt muss auf nichts verzichten

Tauschringe sind zeitweilig aus dem Boden geschossen und haben sich vielerorts zu festen, halbprofessionellen Institutionen etabliert. Verrechnungssysteme, die es mit der Software eines Bankkontos aufnehmen können, machen eine Vielfalt von Aktionen möglich. Dienstleistungen gegen Einrichtungsgegenstände, Pflanzen gegen Haareschneiden – getauscht wird kreuz und quer. Die Wert- und Einschätzung obliegt den Akteuren und spiegelt nicht unbedingt den Markt wider: eine Arbeitsstunde ist eine Arbeitsstunde und unterscheidet nicht zwischen gelernt, ungelernt und Akademikern.

Was für Menschen auf dem Land selbstverständlich ist, nämlich Geräte zu teilen, die man nur ein-, zweimal braucht oder für größere Aktionen, setzt sich auch in Haus- oder Nutzungs-gemeinschaften durch. Der Gartenschredder für den Herbstschnitt, der Rasenmäher für Reihenhaus-Handtuchgärten – kann man doch alles zusammen nutzen. Eine wunderbare Idee aus Berlin ist die Givebox: Hier kann man geben, was noch in Ordnung ist und man nicht mehr braucht und nehmen, nämlich das, was da ist. Viele Dinge kann man sich leihen: IKEA bietet Anhänger für Transporte, Baumärkte verleihen größere Geräte, es gibt Mietwagen, Partyservice, Bollerwagen, Grill...und nach Gebrauch heißt es statt „wohin damit?“ „zurück damit!“

Nichtbesitz – eine Chance für Second-Hand

Statt nur eine Runde mehr im Konsumkarussell zu sein, können Second-Hand Geschäfte hier mit neuem Service punkten: auch sie können verleihen statt zu verkaufen, bspw. Kinderausstattung für Großeltern am Wochenende, die sich nicht die Wohnung mit Kinderbett, Spielzeug und Kindersitzen vollstellen wollen. Oder die Eltern müssen den Wagen vollpacken, Stauraum blockieren, den sie doch für den kinderfreien Urlaub brauchen.
Wenn jemand Ahnung vom Entrümpeln hat, dann Second-HandlerInnen. Leider bieten sie es nur als komplette Haushaltsauflösung an. Warum nicht auch zwischendurch? Eine Idee Michael Braungarts ist: wir kaufen nur noch Nutzen, z.B. den Nutzen für einen Fernseher für zwei Jahre. Dann geben wir ihn zurück. Die Kleiderei in Hamburg lässt ihr Kunden Garderobe einen Monat nutzen, dann kommt das nächste Paket mit chicen Klamotten. Da dreht sich genausoviel wie bei H& M mit einer besseren Ökobilanz.

Ideen sprießen lassen. Hier geht noch mehr.

Teilen leihen tauschen – neue Chancen für Second-Hand Betriebe.
Second-Hand vernetzt bietet dazu am 15. Mai einen Kreativworkshop an.
10 – 17 Uhr. Kosten: 65 Euro für Mitglieder, 95 Euro für Nichtmitglieder.
Telgte, Alte Schmiede, Galgheider Hof, Galgheide 6
Anmeldung: info@secondhand-vernetzt e.V.

Links

leihen: www.lieber-leihen.de
Givebox: www.sein.de/givebox-teilen-und-schenken-in-der-nachbarschaft/
cradle to cradle: https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96koeffektivit%C3%A4t
Daniela Kaminski: www.daniela-kaminski.de | www.equi-valent.de

X

Get our newsletter!

It seems that you have already subscribed to this list. Click here to update your profile.
Zum Seitenanfang